Väter der Rakete
erschienen in:
Süddeutsche Zeitung WISSEN
April 2009
Ortstermin in Huntsville, Alabama, wo deutsche Ingenieure nach dem Krieg unter Leitung von Wernher von Braun das amerikanische Raumfahrtprogramm aufgebaut haben. Wie haben die Männer Huntsville verändert, wie hat Huntsville sie verändert und wie war es, als Nazi-Ingenieur in den USA Karriere zu machen?
Einst bauten sie Geschosse für Hitler, später brachten sie die Amerikaner ins Weltall - ein Besuch bei den letzten noch lebenden deutschen Ingenieuren von Huntsville.
Man sieht ihm sein Alter nicht an. Und erst recht nicht, dass er hier als Held verehrt wird. Oscar Holderer greift einen der Schraubenschlüssel, die wie Orgelpfeifen an den Wänden seiner Werkstatt hängen. Der graue Overall, der schon mal bessere Zeiten erlebt hat, schlabbert um seine dünnen Arme. Mit zusammengekniffenen Augen macht sich der 89-Jährige an der Heckklappe eines Pick-ups zu schaffen. Ein weißes Monstrum, gerade erst gekauft. Ganz zufrieden ist Holderer mit seinen Umbauten noch nicht. "Aber das wird schon", sagt er und lächelt verschmitzt. "Ich war schon immer ein ganz passabler Konstrukteur, ein Schrauber eben."
Oscar Holderer liebt die Untertreibung. Schließlich hat er einst nicht irgendwas zusammengeschraubt. Von ihm stammen die Windkanäle, in denen sich die ersten amerikanischen Raketen beweisen mussten. Gewaltige Geschosse, die zunächst einen Satelliten in den Orbit und schließlich die ersten Menschen zum Mond brachten. Oscar Holderer ist einer jener 118 deutschen Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit Hitlers Raketenpionier Wernher von Braun in die USA gegangen sind, um hier, im Örtchen Huntsville in Alabama, Raumfahrtgeschichte zu schreiben.
Im Zuge der legendären "Operation Paperclip" hatten die Amerikaner sich vor den Sowjets das Know-how gesichert, das in der deutschen "Vergeltungswaffe" V2 steckte. Sie holten die Konstrukteure der ersten Rakete über den Atlantik, die bis ins Weltall vorgestoßen war. Nur eine Handvoll der Männer ist heute noch am Leben.
Holderer zieht die Garagentür hinter sich zu, wischt die Hände am Overall ab und lässt den Blick über sein weitläufiges Anwesen schweifen: Wohnhaus, Gästehaus, Büro, Swimmingpool, alles weiß und flach und selbst gebaut, ein bisschen untypisch für die akkurate Backsteinhäuser-Gegend. Auch der kleine Gartenzwerg im Vorgarten. Was passt, ist die große Auffahrt mit drei Parkplätzen. Schließlich kommt man in Huntsville ohne Auto nicht weit - zumindest nicht mehr, seit die Deutschen den Ort zum Zentrum der westlichen Raumfahrt gemacht haben. Als die ersten Ingenieure kamen, an jenem warmen, leicht bewölkten Tag im April 1950, hatte Huntsville 16 437 Einwohner und nannte sich stolz "Brunnenkresse-Hauptstadt der Welt". Im Flutgebiet des Tennessee River gedieh das Gemüse so prächtig wie nirgends sonst.
Heute hat die Stadt ein Space Shuttle im Wappen, bezeichnet sich als "Rocket City" und ist mit ihren mittlerweile mehr als 170 000 Bewohnern in die Breite gegangen wie ein missratener Gugelhupf - mit siebenspurigen Ausfallstraßen, an denen sich Fastfoodtempel, Motels und Autohändler den Platz streitig machen.
Auch vor Holderers Einfahrt, auf der Oakwood Avenue, fahren sie heute zweispurig in beide Richtungen. "Damals, als wir kamen, war hier nichts außer einem riesigen Baumwollfeld", sagt er. "Ich habe gleich einige Hektar gekauft, weil ich Raum für mich haben wollte." Land, auf dem Platz genug war für mehrere Gebäude, eine große Wiese - ein wahres Wohnparadies für den kleinen Maschinenbauer, der nicht lang zuvor aus dem Hörsaal in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde versetzt worden war, um unter Wernher von Braun eine Luftabwehrrakete zu entwickeln - bis die Russen kamen, und die Männer ihre Baupläne schnappten, um mit amerikanischer Hilfe unterzutauchen.
Die 100 besten Ingenieure sollten in die USA gebracht werden. Oscar Holderer war nicht darunter. "Doch dann handelte Wernher von Braun weitere Genehmigungen aus, unter anderem für mich", sagt Holderer - "Mann, war ich glücklich!" Er, der Mann aus der zweiten Reihe, siedelte also auf dem Baumwollfeld. Viele andere Deutsche zog es hoch hinaus: auf den Monte Sano, eine Hügelkette im Osten Huntsvilles, wo die Reichen der Stadt ihre Sommerresidenzen errichtet hatten, um der Hitze zu entfliehen, die sich in der warmen Jahreszeit wie ein feuchtes Handtuch über Alabama legt.
Ein Flecken Land, die ehemalige Schrimsher Farm, war damals noch unbebaut, und die Deutschen erinnerte das wilde, hügelige Gelände an ihre Heimat, die Mittelgebirgs- panoramen. Die Gruppe kaufte das Land, teilte es auf, baute schmucke Bungalows. Walter Jacobi gehörte zu dieser Gruppe. Seit fast 60 Jahren wohnt er hier oben auf dem "Sauerkraut Hill", wie die Einheimischen spotten. Im Garten seines flachen Backsteinbaus blühen Osterglocken, im Wohnzimmer hängt ein Setzkasten, auf der Anrichte stehen Zinnteller und Porzellanfiguren. Es gibt deutsche Pralinen und Werther's Original.
"Die Stadt hat uns damals gut aufgenommen", sagt Jacobi mit unverkennbarem Thüringer Akzent. "Fremdenfeindlichkeit habe ich bei den Menschen hier nie gespürt." Dabei hätten die Einheimischen allen Grund dazu gehabt - schließlich hatten die Deutschen fünf Jahre zuvor noch für den Feind gearbeitet. Gegen die martialische "Vergeltungswaffe", die mit je einer Tonne Sprengstoff allein in England 1 400-mal eingeschlagen war, gab es damals keine Abwehr. Und wie sollten die einheimischen Huntsviller ahnen, mit welcher Wucht von Brauns Technik bald helfen würde, die Ziele der amerikanischen Raumfahrt zu erreichen - hier, mitten in ihrem verträumten Brunnenkresse-Ort? Was das also für bedeutende Männer waren, die da auf schwankenden Truppentransportern, in Zügen und Autos erst von New York in ein trostloses Wüstencamp in der Nähe von El Paso und letztendlich nach Huntsville kamen?
Diese Männer, darunter Jacobi und Holderer, hatten eine kleine Odyssee hinter sich. Holderer lehnt sich an die Ladefläche seines Pick-ups und erzählt, wie das war damals: als sie in Peenemünde die Einschläge der anrückenden Roten Armee hören konnten und mit Wernher von Braun zunächst in den Harz aufbrachen, nach Nordhausen, wo in unterirdischen Werksanlagen Häftlinge des Konzentrationslagers Dora die Raketen Hitlers montieren mussten. 20 000 Zwangsarbeiter starben dort während des Kriegs. "Gesehen haben wir von all dem nichts", sagt Holderer und verfällt beim Erzählen immer wieder ins Englische. Kurze Zeit später ging die Fahrt weiter nach Oberbayern, von dort Richtung Westen, über den Atlantik. Die Familien durften erst Ende der Vierzigerjahre nachkommen, als der Treck Richtung Huntsville aufbrach.
Auch Dorette Schlidt, von Brauns Sekretärin, war damals dabei. Zusammen mit ihrem Mann Rudolf, einem der Ingenieure, lebt sie noch heute auf dem Monte Sano und gerät ins Schwärmen, wenn sie sich an die Ankunft erinnert: "Für uns war es wie im Himmel. Verglichen mit der texanischen Wüste war hier alles wunderbar grün, fast wie im Thüringer Wald." Sie lacht. "Nur Huntsville selbst kam wie ein Kuhdorf daher." Viele Straßen waren noch nicht asphaltiert, es gab keine Kläranlage, die Abwässer wurden in einen Bach außerhalb der Stadt gepumpt.
"Dafür war der Empfang richtig nett", sagt Schlidt - allerdings auch garniert mit einer gewissen Portion Skepsis: "Einer der Südstaatler meinte: ,Was, Deutsche? Wir mögen ja nicht einmal die Yankees'." Doch das Eis war schnell gebrochen. Die neuen Nachbarn galten als sympathisch, wenn auch manchmal als ein bisschen seltsam. "Was vielleicht daran lag, dass sich viele Deutsche als Erstes einen Ausweis in der örtlichen Bibliothek besorgten", sagt Dorette Schlidt.
Überhaupt, die Kultur. In warmen Sommernächten erfüllte bald der Klang von Kammerkonzerten die Luft auf dem "Sauerkraut Hill". Und mit Schuberts achter Sinfonie startete das Huntsville Symphony Orchestra 1955 in seine erste Saison, das Abonnement für die Spielzeit kostete drei Dollar. Konzertmeister war ein deutscher Raketenbauer. Walter Jacobi geht zur Kommode und holt einen Brief hervor.
Die blaue Tinte ist schon etwas blass, umso freundlicher sind die Dankesworte des damaligen Orchesterchefs für die tatkräftige Unterstützung bei der Gründung. "Wir haben sehr viel getan für die Stadt", sagt der 91-Jährige. "Deshalb wurden wir schnell akzeptiert." Sogar Vollkornbrot und Bratwürste tauchten alsbald in den Auslagen der Geschäfte auf. Und jedes Jahr wurde das Oktoberfest gefeiert. "Die Leute aus Huntsville kamen sogar in Lederhosen", erinnert sich Oscar Holderer. "Wir Deutschen hielten uns aber vornehm zurück." Restaurants wie "Ol' Heidelberg" oder die im vergangenen Jahr eröffnete "Schnitzel Ranch" bieten noch immer an, was die einheimischen Huntsviller vor langer Zeit auf den Geschmack brachte.
Was den Einwanderern anfangs tatsächlich fehlte, war nur eine evangelische Kirche. Als die ersten Taufen anstanden, ergriffen einige Ingenieure dann die Initiative. Sie sammelten Geld und kauften ein Grundstück nahe der Innenstadt. Heute, nach mehreren Aus- und Umbauten, ist Huntsvilles erste Evangelisch-Lutherische Kirche ein imposantes Gebäude, dessen Kirchenschiff auf einem strahlend weißen Sandsteinsockel thront. Das drei Meter hohe Buchskreuz an der Kirchenwand ist akkurat getrimmt. In der Vorhalle hängt eine Bronzetafel mit dem Bild Martin Luthers. Einst schmückte sie den Berliner Tiergarten. Die Bundesregierung schenkte sie der Gemeinde "als Zeichen der Wertschätzung für die geistliche Unterstützung der deutschen Raketenbauer".
"Die Deutschen waren äußerst wichtig für die Entwicklung von Huntsville", sagt Al Whitaker vom lokalen Raumfahrtmuseum, dem U.S. Space & Rocket Center. "Sie haben nicht nur das kulturelle Leben bereichert, sondern durch ihre Raketen auch Tausende von Jobs geschaffen." Und mehr noch: Sie hoben Huntsville bald in den Olymp der Weltöffentlichkeit - spätestens an jenem 20. Juli 1969, als Neil Armstrong mithilfe deutsch-amerikanischer Raketenkraft den Mond erreichte und als erster Mensch seinen Fuß auf den Trabanten setzte.
Die Größe dieser Leistung konnte niemand so gut nachfühlen wie die Einwohner Huntsvilles: Ihre Fenster splitterten, ihre Hauswände erbebten, Teller klapperten in den Schränken, ja sogar ein Brunnen kollabierte, als die Ingenieure zum ersten Mal testeten, was Armstrong zum Mond bringen sollte: Alle fünf Triebwerke der Mondrakete zündeten sie Mitte der Sechzigerjahre auf dem Gelände des Marshall Space Flight Centers. Heute wird dort, gleich hinter dem Raumfahrtmuseum, die nächste Raketengeneration entwickelt: Ares soll noch leistungsfähiger als von Brauns Saturn V sein und Amerika wieder zum Mond und irgendwann auch zum Mars bringen.
Und wie war das damals, an Amerikas und Armstrongs großem Tag, dem wohl aufregendsten Moment der Raumfahrtgeschichte? Walter Jacobi schmunzelt. "Unsere Arbeit war immer aufregend, man ist nie zur Ruhe gekommen." Der Maschinenbauer, der einst in Ilmenau studiert hatte, war seinerzeit für die Ventile und Triebwerkskomponenten der Mondraketen verantwortlich. Und wie ganz Huntsville saß auch er am 20. Juli 1969 vor dem Fernseher. War er stolz? Jacobi schließt die Augen, wie immer, wenn er lang nachdenkt. "Sicher, sehr." Nervös? "Nein, wir waren alle überzeugt, dass es gutgeht. Wir hatten so lang daran gearbeitet."
Die Feiern auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude waren dafür umso überschwänglicher. Wernher von Braun wurde auf Schultern durch die Stadt getragen. Keiner zweifelte daran, wem Huntsville diesen Erfolg zuzuschreiben hatte. Und dankbar denken viele an von Braun zurück: "Er war der beste Chef, den man sich vorstellen kann", sagt Walter Jacobi. "Jeder, der mit ihm gearbeitet hat, fand ihn außergewöhnlich." Der Aristokratensohn galt als Allroundgenie, konnte mit Schlossern ebenso diskutieren wie mit Astrophysikern. Vor allem aber war von Braun ein guter Verkäufer - und schreckte dabei auch nicht vor der eigenen Person zurück: "Um seinem Traum von einem Flug ins All näherzukommen, ist er einen faustischen Pakt mit Hitler eingegangen", sagt der Raumfahrthistoriker und von-Braun-Biograf Michael Neufeld.
Die Nazis wollten eine Waffe, von Braun baute sie - aber nur weil er hoffte, dadurch die Entwicklung einer Mondrakete voranbringen zu können. Daran änderte sich auch in den USA wenig, zur Zeit des Koreakriegs: "Die Armee brauchte eine Rakete. Wir waren da und haben sie gebaut", sagt Jacobi trocken. Gleichzeitig ließ von Braun aber keine Gelegenheit aus, für seine Mondpläne zu werben. Er arbeitete mit Walt Disney zusammen und schrieb fürs Collier's Magazine mit seinen einst mehr als vier Millionen Lesern. "Eines Tages tauchte er deswegen bei mir auf und bat mich um Hilfe", erinnert sich Oscar Holderer.
Für eine seiner Geschichten benötigte von Braun ein Raketenmodell, und die Handwerker der Armee konnte er für derartige PR-Aktionen nicht einspannen. "Also baute ich ihm das Teil", sagt Holderer. Wenige Wochen später tauchte der Chef mitsamt Rakete in der Zeitschrift auf - stolz präsentierte er eine Art futuristisches Flugzeugmodell, das auf einen viel zu dicken Raketenstummel gepfropft war. Nicht zuletzt solche Ideen waren es, die von Brauns öffentliches Ansehen prägten. "Vielen galt er damals als Spinner", sagt Holderer. Doch der Erfolg, der Flug zum Mond, gab dem Deutschen schließlich Recht.
In Huntsvilles Space & Rocket Center, 1970 eröffnet und mit seinen verwinkelten Räumen und dunklen Ecken noch immer dem Charme jener Zeit verhaftet, haben sie von Braun sogar einen Schrein gewidmet: Hinter Glas finden sich Büsten und Orden. Die Raketen-modelle, die auf fast jedem von-Braun-Foto zu sehen sind, stehen schief in der Ecke. Dominiert wird das Stillleben von einem mächtigen Holzschreibtisch. Der Rechenschieber, den von Braun aus Peenemünde mitgebracht hatte, ist sorgsam darauf drapiert. Die Nazi-Vergangenheit wird nirgendwo erwähnt. Dass von Braun sogar Mitglied der SS war, erst recht nicht. "Für Huntsville war und ist er ein Held", sagt Al Whitaker. Entsprechend tränenreich war auch der Abschied, als von Braun 1970 ins Nasa-Hauptquartier nach Washington versetzt wurde.
"Huntsvilles erster Bürger. ausgeliehen nach Washington", stand auf Plakaten, die über der Ehrentribüne hingen. 50 deutsche Ingenieure durften dort Platz nehmen. Von Braun lobte die Zeit in Huntsville als "die schönsten Tage in meinem Leben". "Aber die wirklich aufregende Zeit war vorbei", sagt der einstige Maschinenbauer Holderer. Längst hatte er Karriere gemacht, Ingenieure und Mechaniker unter sich, amerikanische Soldaten. "Dabei war ich doch noch immer ein feindlicher Ausländer!" Er schüttelt das weiße Haupt. Anfang der Siebzigerjahre verließ Holderer wie viele deutsche Ingenieure die Nasa und ging in den Vorruhestand. In sein Haus, seinen Garten, zu seinen Autos. "Der Job machte keinen Spaß mehr, ich bin jemand, der selbst Hand anlegen muss. Und ich vermisste mein Reißbrett."
Holderer öffnet die Tür seines Büros, ein fensterloser, zitronengelb gestrichener Raum. Zwischen zwei Computern steht ein altes mechanisches Reißbrett. Fast zärtlich berührt er den Zeichenkopf, die Lineale gleiten lautlos über die Tafel. Damit hat er nach seiner Nasa-Zeit Simulatoren für das nahegelegene Space Camp entworfen. Noch heute können sich Kinder darin wie Astronauten fühlen.
Und auch ein weiteres Vermächtnis der Deutschen ist in Huntsville allgegenwärtig: Raketen. Der Kirchturm der First Baptist Church ragt wie eine Saturn in den blauen Himmel - bereit zur letzten Himmelfahrt. Am Flughafen empfängt ein 30 Meter breites Wandbild die Besucher, Wernher von Braun lächelt herab. Und die 111 Meter hohe Nachbildung einer Mondrakete vor dem Space & Rocket Center ist nicht nur das höchste Gebäude, sondern auch Wahrzeichen Huntsvilles. Dahinter erstreckt sich, sanft gewellt, mit vielen im Wald versteckten Testständen, das riesige Areal des Marshall Space Flight Centers. Die Haupttriebwerke des Space Shuttles haben sie hier entwickelt. Noch immer ist Marshall bei jedem Start dafür verantwortlich, dass während der ersten achteinhalb Minuten alles glattgeht.
Ein dreispuriger Highway führt auf das Gelände, geduldig lassen Mitarbeiter die Sicherheitskontrollen über sich ergehen. Ob auch sie eines Tages auf Schultern über den Courthouse Square getragen werden, wenn eine bemannte Marsmission glückt? Es ist schwer vorzustellen. Die Zeit der Raketeneuphorie ist vorbei. Geldmangel und technische Probleme prägen mittlerweile die Raumfahrt. Und entsprechend museal thront Alabamas erste und einzige Mondrakete, die Saturn V, heute in einer eigenen Halle - auf drei Meter hohen Stelzen. In ihrem Schatten spielt sich das gesellschaftliche Leben Huntsvilles ab, Galas, Empfänge - und Trauerfeiern. So wie Mitte Februar, als sie Abschied von Konrad Dannenberg nahmen, dem stellvertretenden Entwicklungschef der Saturn V.
"Freitags hatte ich noch mit Konrad telefoniert", erzählt Whitaker. Es ging um die Laudatio für einen anderen Veteranen. "Drei Tage später war er tot." Dannenberg wurde 96. "Durch seine Visionen und seine Führungskraft sind unsere Stadt und unser Land in Regionen vorgedrungen, die zuvor undenkbar waren", sagt Huntsvilles Bürgermeister Tommy Battle.
Die Zeit der Pioniere, sie geht zu Ende. Früher trafen sich die Ingenieure oft, um zu plaudern, zu planen, technische Sachen, aber auch Feste oder Konzerte. Wenn sich die wenigen noch lebenden Deutschen heute wiedersehen, wird entweder ein Jubiläum gefeiert, oder es wird Abschied genommen. "Meist Letzteres", sagt Al Whitaker. "Und jedes Mal kommt einer weniger."
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