Die Auszeit

Dez
2013
16

So schön ruhig hier. Fast schon etwas angestaubt. Das hat gute Gründe. Den hier zum Beispiel:

Tiger Leaping Gorge (Foto: Stirn)

Tiger Leaping Gorge (Foto: Stirn)

Oder auch den hier:

Li River (Foto: Stirn)

Li River (Foto: Stirn)

Ich habe die letzten Tage unseres chinesischen Abenteuers genutzt, um nochmal aus Peking herauszukommen und das andere, das ländlichere, schönere, manchmal sogar ruhigere China kennenzulernen.

Das Blog ist damit allerdings noch lange nicht am Ende. Es gibt viel zu erzählen. Demnächst geht’s weiter.

CCTV

Nov
2013
27

 

CCTV meets CCTV. (Foto: Stirn)

CCTV meets CCTV. (Foto: Stirn)

Die Stäbchen

Nov
2013
25

Ich hatte geübt – unheimlich. In der Woche vor dem Abflug nach China wurde alles Erdenkliche und Undenkbare mit Stäbchen vertilgt: Gemüse aus der Tiefkühltruhe, Tortellini mit Pesto, geröstete Maultaschen (übrigens ein sehr dankbarer Trainingsgegenstand). Ich hatte so lange geübt, bis sich vom verkrampften Hantieren mit den Stäbchen beinahe eine Blase am Ringfinger gebildet hatte.

In wenigstens einem Punkt fühlte ich mich als China- (und Chinaessen-)Neuling gut vorbereitet.

Nudeln: anfangs eine Herausforderung, inzwischen Routine. (Foto: Stirn)

Nudeln: anfangs eine Herausforderung, inzwischen Routine. (Foto: Stirn)

Vor Ort war dann doch wieder alles anders. Das chinesische Gemüse war deutlich glitschiger als das, was zuhause aus Kühlfach und Teflonpfanne gekommen war. Die chinesischen Plastik-Mehrwegstäbchen in Restaurants und Kantinen waren deutlich glitschiger als die hölzernen Trainingsutensilien aus dem München Asia-Markt. Und die chinesischen Austernpilze übertrafen an Glitschigkeit alles bislang Gesehene.

Sie wurden zum übermächtigen Gegner.

In den ersten Wochen glich das Umfeld des Tellers folglich einem (um ausnahmsweise martialische Metaphern zu benutzen) Schlachtfeld – was in chinesischen Restaurants übrigens, entgegen vieler anderslautender Warnungen, keinesfalls der Normalzustand ist. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur mit den falschen (oder besser gesagt mit den richtigen) chinesischen Bekannten unterwegs. Nach und nach kamen die Einschläge dem Teller immerhin näher.

Heute, nach mehr als zwei Monaten in China, klingt all das (um bei den martialischen Metaphern zu bleiben), als würde Opa vom Krieg erzählen. Klar, manchmal entgleitet dann doch noch ein glitschiger Austernpilz, aber im Großen und Ganzen machen die Stäbchen überhaupt keine Probleme mehr. Weder bei kleinen noch bei großen Brocken, weder bei glitschigen noch bei harten,weder bei Reis noch bei Glasnudeln.

Immerhin diese, pardon, Schlacht ist erfolgreich geschlagen.

Zitiert (2)

Nov
2013
24

Today, the gross domestic product (GDP) is the most important element in China. We are now living in GDP-ism, not in communism.

Michael Anti, Blogger

Der Zug

Nov
2013
22

Zug D5125 ist pünktlich wie die Eisenbahn – also nicht wie die deutsche, viel eher wie die sprichwörtliche. Oder wie die chinesische.

Sauber, kühl, laut, voll, vor allem aber pünktlich: Zug D5125 auf dem Weg nach Chengdu.(Foto: Stirn)

Sauber, kühl, laut, voll, vor allem aber pünktlich: Zug D5125 auf dem Weg nach Chengdu.(Foto: Stirn)

18.16 Uhr steht auf dem Fahrplan, 18.16 Uhr zeigt die Digitaluhr im Bahnhof, und um 18.16 Uhr setzt sich Zug D5125 in Bewegung. Die fast schon pedantische Pünktlichkeit wird sich in den kommenden zwei Stunden und 18 Minuten ein ums andere Mal wiederholen – bei jedem Zwischenstopp auf der gut 300 Kilometer langen Strecke zwischen den Provinzhauptstädten Chongqing und Chengdu.

Zug D5125 ist eines der vielen Puzzlesteinchen in Chinas Hochgeschwindigkeitsnetz, das inzwischen gut 10.000 Kilometer umfasst – mehr als das Streckennetz in ganz Europa zusammen. Über 100 Städte sind damit verbunden, dennoch ist das Netz noch immer äußerst löchrig, dennoch werden an allen Ecken des Landes neue Verbindungen gebaut, oftmals ohne Anschluss an vorhandene Linien.

Man merkt sofort, dass das Hochgeschwindigkeitsnetz den Fluglinien Konkurrenz machen soll. Die Hostessen, die am Bahnhofseingang Tickets und Pässe kontrollieren, tragen ein lila Kostüm, einen lila Hut, ein Halstuch. Lediglich die hohen schwarzen Lederstiefel passen nicht ganz zum Stewardessen-Look. Es gibt zudem eine riesige Wartehalle, die an ein Flughafen-Terminal erinnert, es gibt Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen (wobei letzteres im chinesischen Bahnverkehr keine Besonderheit der Hochgeschwindigkeitszüge ist).

Fast wie am Flughafen: Wartehalle 2, North Railway Station, Chongqing. (Foto: Stirn)

Fast wie am Flughafen: Wartehalle 2, North Railway Station, Chongqing. (Foto: Stirn)

In den Zügen selbst lassen sich die Sitzreihen drehen, so dass sie – wie im Flugzeug – immer in Fahrtrichtung zeigen. Trotzdem verteilen die Stiefel-Stewardessen zu Beginn der Fahrt Kotztüten – und finden dabei reichlich Abnehmer.

Kegelclubs, die Plage in deutschen ICEs, sucht man in Zug D5125 vergebens. Laut ist es trotzdem, was vor allem daran liegt, dass Kopfhörer ein seltenes Gut sind: Handys und Laptops spucken ihre digitalen Klänge meist direkt über die Lautsprecher aus, was in einer seltsamen Kakophonie gipfelt.

Alles in allem ist Bahnfahren in China, zumindest an Bord von Zug D5125, aber eine angenehme Angelegenheit. Und eine billige: Die Fahrt von Chongqing nach Chengdu (eine Strecke, in etwa so lang wie von Berlin nach Göttingen ) kostet gerade einmal 97 Yuan. Umgerechnet sind das knapp 12 Euro – oder das 2,6-Fache einer Sitzplatzreservierung in anderen, nicht so pünktlichen Bahnsystemen.

Im Zug D5125 ist der garantierte Platz dagegen bereits im Reisepreis enthalten. Stehen darf hier niemand. Ganz wie im Flugzeug.

Verboten

Nov
2013
20

 

Exit 3, Metro-Station  Jiaochangkou, Chongqing. (Foto: Stirn)

Exit 4, Metro-Station Jiaochangkou, Chongqing. (Foto: Stirn)

Das Schwimmen

Nov
2013
18

Am Wochenende fährt der Pekinger gerne raus aus der Stadt. Die langen Autokarawanen, die sich Sonntagmorgens ins Umland und abends wieder rein in die Metropole quälen, legen diesen Schluss nahe. Wer es sich leisten kann, der dreht dem Grau der Großstadt zumindest für ein paar Stunden den Rücken zu.

Panorama (Anklicken zum Vergrößern). (Foto: Stirn)

Der Stausee unweit von Changping (Panorama zum Vergrößern anklicken). (Foto: Stirn)

Einer der Fluchtpunkte liegt gut eineinhalb Autostunden nördlich von Peking, an einem Stausee unweit der Stadt Changping. Hier wird geschwommen, gesungen, gelacht. Innerhalb weniger Stunden sieht man mehr fröhliche Gesichter als während einer ganzen Woche in der vollen, schmutzigen Stadt. Es ist faszinierend.

Singen, schwimmen, lachen, rauchen. Sonntägliche Entspannung am Stausee. (Foto: Stirn)

Singen, schwimmen, lachen, rauchen. Sonntägliche Entspannung im und am Stausee. (Foto: Stirn)

Wortführer – und in gewissem Maße Alleinunterhalter – ist ein drahtiger Alter mit spitzem Bart. Was er sagt, wird gemacht, wenn er singt (bevorzugt auf den obersten Stufen der Steintreppe) schauen die anderem zu ihm auf.

Lebhaftes Vergnügen. So klingt der Nachmittag am Stausee:

Ansonsten ist Müßiggang angesagt. Man sitzt im vergleichsweise kühlen Wasser, man unterhält sich dabei, man raucht.

Die eher Wasserscheuen wählen das Gummiboot. (Foto: Stirn)

Die eher Wasserscheuen wählen das Gummiboot. (Foto: Stirn)

Und man schwimmt viel – ganz wie vom großen Vorsitzenden Mao einst gefordert. Heute gilt dabei allerdings: safety first. Wer in See sticht, zieht eine orangefarbene Rettungsboje hinter sich her, die mit einem Gurt am Bauch befestigt wird.

Nicht ohne meinen Rettungsring - auch wenn ein Lkw-Schlauch dafür herhalten muss. (Foto: Stirn)

Nicht ohne meinen Rettungsring – auch wenn ein Lkw-Schlauch dafür herhalten muss. (Foto: Stirn)

Doch auch hier gilt, wie so oft in der chinesischen Gesellschaft: Man kann auch improvisieren. Schwimmer, die gerade keine grell leuchtende Rettungsboje zur Hand haben, binden sich einfach einen aufgepumpten Lkw-Schlauch um den Bauch.

Zitiert (1)

Nov
2013
17

Air pollution is not the biggest problem in China, politics is even more polluted. It is intransparent and foggy.

Luo Changping, investigativer Journalist beim “Caijing Magazine”

Kinder

Nov
2013
15

 

Untergeschoss. Sun, Moon & Light Central Plaza. Chongqing. (Foto: Stirn)

Untergeschoss, Sun Moon & Light Central Plaza, Chongqing. (Foto: Stirn)

Das Radfahren

Nov
2013
14

Eigentlich ist Peking ideal zum Radfahren: Die Stadt ist topfeben. Es gibt breite Radwege, die oftmals sogar mit Zäunen von der Straße abgetrennt sind. Und das Wetter ist – zumindest jetzt im Herbst – durchaus radfahrerfreundlich.

Eigentlich.

Wenn da nicht ein Problem wäre: die anderen Verkehrsteilnehmer. Und das sind viele.

Die Straße ist kein Ponyhof: In Pekinger Verkehr regiert das Recht des Stärkeren - Radfahrer haben da wenig zu melden. (Foto: Stirn)

Die Straße ist kein Ponyhof: In Pekinger Verkehr regiert das Recht des Stärkeren – Radfahrer haben da wenig zu melden. (Foto: Stirn)

Da wären an erster Stelle die Autofahrer mit ihrer eingebauten Vorfahrt. Vor allem beim Abbiegen ist es denen völlig egal, ob gerade ein Radler rechts neben ihnen fährt oder von links auf der – theoretischen – Vorfahrtsstraße daher kommt. Aber auch Radwege sind bei den Autofahrern sehr beliebt: wahlweise, um auf ihnen dem allgegenwärtigen Stau zu entkommen, oder, um darauf zu parken. Oder beides, was unweigerlich zu Chaos führt.

Da wären zum anderen die Roller- und Rikschafahrer, die inzwischen zu 95 Prozent elektrisch unterwegs sind. Je nach Ladestand ihrer Batterie brausen sie lautlos, in wenigen Zentimetern Abstand und ohne Vorwarnung an einem vorbei oder aber sie schleichen mitten auf dem Radweg vor sich hin. Um Strom zu sparen wird nachts natürlich auch kein Licht angemacht. Dafür wählen die Rollerfahrer stets den kürzesten Weg – auch wenn dieser gegen die (theoretische) Fahrtrichtung des Radweges führt.

Da wären die Fußgänger, eigentlich die ärmsten Schweine im Pekinger Straßenverkehr, da sie ständig auf der Hut sein
müssen, nicht von irgendwelchen Auto- oder Rollerfahrern umgemäht zu werden. Auch die Fußgängerfurten an Ampeln bieten hier keine Sicherheit. Gegenüber Radfahrern begehren die Fußgänger allerdings manchmal auf – zumindest dann, wenn sie in Gruppen unterwegs sind. Dann ist Slalom angesagt. Oder bremsen.

Hier wäre ihr Radweg gewesen. In Massen lassen selbst Fußgängern den Radlern keine Chance. (Foto: Stirn)

Hier wäre Ihr Radweg gewesen. In Massen lassen selbst Fußgängern den Radlern keine Chance. (Foto: Stirn)

Und da wären natürlich die anderen Radler. Ende der Achtzigerjahre wurden noch 60 Prozent aller Strecken in Peking mit dem Rad zurückgelegt, heute sind es weniger als 20 Prozent. Die großen Radfahrermassen sind verschwunden, das Chaos ist geblieben. Jeder fährt kreuz und quer, rechts oder links, in oder entgegen der Fahrtrichtung, mit Telefon in der einen und Zigarette in der anderen Hand, aber auf jeden Fall ohne Licht und ohne Helm und ohne Rücksicht auf andere.

Aber, das hätte ich zu Beginn nie gedacht, man gewöhnt sich daran. Man lernt instinktiv zu reagieren, man lernt, nicht auf seiner Vorfahrt zu bestehen, man lernt Demut. Und man ist – nach der 15-minütigen Büro-Radeltour im morgendlichen Berufsverkehr – auf jeden Fall hellwach.