Das schnelle Ende einer Mondmission

Nov
2012
19

Am Dienstag und Mittwoch treffen sich in Neapel die verantwortlichen Minister der 20 Esa-Staaten, um über die Zukunft der europäischen Raumfahrt in Zeiten leerer Kassen zu entscheiden. (Ich werde vor Ort sein und hoffe, etwas Zeit und Gelegenheit zum Bloggen zu finden.) Das Treffen – und seine seit Monaten laufenden Sondierungen und Vorverhandlungen – ist traditionell ein Fest für Strategen. Es werden Allianzen geschmiedet, es wird geblufft, es gibt Bauernopfer, Gerüchte werden gestreut, Vorschläge werden gemacht und wohl kalkuliert wieder zurückgezogen – kurzum, jeder Mitgliedsstaat versucht, möglichst viel für sich und seine Industrie herauszuholen. Meist ist das ausgesprochen zäh.

Manchmal geht es dann aber doch ganz schnell – so wie bei der deutschen, pardon, europäischen Mondmission.

Viel Staub um Nichts: Der europäische Lunar Lander, eines der Lieblingsprojekte der Deutschen, wird nicht fliegen. (Foto: Astrium)

Viel Staub um Nichts: Der europäische Lunar Lander, eines der Lieblingsprojekte der Deutschen, wird nicht fliegen. (Foto: Astrium)

Eineinhalb Jahr lang hatten Ingenieure des Raumfahrtkonzerns Astrium gemeinsam mit dem DLR im Auftrag der Esa ein Konzept für die Mission entwickelt. In Neapel sollte über dessen Realisierung und den Bau des Lunar Lander abgestimmt werden. Zumindest war das der ursprüngliche Plan.

Die Chronologie:

Montag, 12. November, 11 Uhr, Anruf bei Esa-Direktor Thomas Reiter: Aufgrund der “finanziellen Rahmenbedingungen” werde die Esa ihren Mitgliederstaaten vorschlagen, nicht in die volle Entwicklung und den Bau des Lunar Lander einzusteigen. Stattdessen soll es einer weitere Entwicklungsphase mit dem Schwerpunkt auf möglichen Schlüsseltechnologien geben (“Phase B2″ genannt). 2014 könne man dann über den Bau entscheiden.

Dienstag, 13. November, 9 Uhr, Anruf bei DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner: “Maximal eine Studie” sei drin, leider. Zwar wollten sich viele Esa-Länder finanziell beteiligen, die Beträge seien allerdings nicht hoch. Hoffnung gebe es aber noch, vielleicht könne man ja noch etwas bewegen.

Donnerstag, 15. November, 19 Uhr, Der “Tagesspiegel” meldet: “Die Europäische Forschungsmission Lunar Lander steht vor dem Aus. […] Deutschland werde das Projekt nicht weiter verfolgen, erfuhr der Tagesspiegel aus aus [sic] dem Bundeswirtschaftsministerium. Grund seien die ,knappen Budgets in den übrigen Esa-Mitgliedsstaaten´, heißt es.” Die Meldung verhallt weitgehend ungehört.

Donnerstag, 15. November, 21 Uhr: Per E-Mail kommt die Bestätigung, dass sich der Leiter der deutschen Delegation gegen die Mission ausgesprochen habe. “Lunar Lander kommt nicht.”

Freitag, 16. November, 16 Uhr, “Spiegel Online” meldet: Deutschlands Raumfahrtkoordinator Peter Hintze, der in Neapel die deutschen Farben vertreten wird, bestätigt das Aus für die Mission. Deutschland sei bereit gewesen, sich mit 45 Prozent der Kosten zu beteiligen. Allerdings hätten nur acht Esa-Staaten das Projekt unterstützt. “Die ganz Großen waren nicht dabei.”

Das Aus kommt dabei nicht wirklich überraschend. Vor zwei Monaten, auf der Berliner Luftfahrtmesse ILA, hatten Esa, DLR und Astrium zwar noch ein Modell ihrer Mondsonde vor der gemeinsamen Raumfahrthalle aufgebaut, in Gesprächen ließen sowohl Vertreter der Industrie als auch der Raumfahrtagenturen aber durchblicken, dass die Chancen äußerst schlecht stehen. Begeisterung für die Mission war nirgends spüren.

Viel interessanter ist daher die Frage, warum Deutschland diesen vermeintlichen Trumpf bereits vor Beginn der Verhandlungen in Neapel aus der Hand gibt. So etwas macht man – eigentlich – nicht unüberlegt. Was erhoffen sich die Deutschen also als Gegenleistung, und was werden sie letztlich bekommen? Die nächsten Tage werden es zeigen.

Kommentieren