Mond? Langweilig!

Jan
2012
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Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie tief der Mond in der Gunst der amerikanischen Raumfahrt gesunken ist, die Nasa hat ihn am Wochenende eindrucksvoll erbracht: Statt die Ankunft der beiden Grail-Raumsonden am Erdtrabanten gebührend in Szene zu setzen, ignorierte die Raumfahrtbehörde das Ereignis weitgehend. Fast vier Jahrzehnte, nachdem zum letzten Mal Menschen ihren Fuß auf den Mond gesetzt hatten, scheint der bleiche Himmelskörper der Nasa reichlich egal zu sein.


Dabei haben die Zwillingssonden Grail-A und Grail-B eine spannende Aufgabe: Im Parallelflug sollen sie den Mond in 50 Kilometern Höhe umrunden und dabei sein Schwerefeld vermessen – Daten, die Einblicke in Aufbau und Entstehung des Himmelskörpers liefern sollen. Das Duo, erst die zweite explizite Mondmission der Amerikaner in diesem Jahrtausend, ist an Silvester und an Neujahr in eine Umlaufbahn um den Mond eingeschwenkt.

Und was hat die Raumfahrtagentur, die – wenn es zum Beispiel um den Mars geht – bei jedem Hinweis auf jedes Wassermolekül eine Pressekonferenz veranstaltet, daraus gemacht:

  • Keine Live-Übertragung der interessanten Ereignisse im hauseigenen Nasa-TV. Keine Interviews mit Experten, keine Erklärung der Vorgänge in 400.000 Kilometern Entfernung. Stattdessen nur eine Webseite mit einer leblosen Animation der Mission auf Basis der vorher berechneten Bahndaten und einige nachgeschobene Impressionen aus dem Kontrollraum (siehe oben).
  • Kein offizieller Twitter-Account. Etwa 60 Nasa-Missionen und –Programme sind inzwischen mit eigenem Account auf Twitter aktiv, Grail gehört nicht dazu (obwohl es zum Start der Mission im September sogar ein Tweetup gegeben hatte). Stattdessen ließ das Jet Propulsion Laboratory, das die Mission verantwortet, ab und zu ein paar Details verlauten, und einige Nasa-Mitarbeitern twitterten inoffiziell über das, was gerade rund um den Kontrollraum vor sich ging. Geordnete Kommunikation sieht anders aus.
  • Keine Pressekonferenz. Tue Gutes und sprich darüber, lautet eigentlich das ungeschriebene Gesetz der PR-Branche. Eine Pressekonferenz, auf der Beteiligten schildern konnten, was da gerade am Mond (den jeder mit eigenen Augen sehen kann) vor sich gegangen ist, gab es trotzdem nicht. Stattdessen nur drei Pressemitteilungen. Und selbst im Vorfeld der Ankunft am Mond hatte die Nasa (entgegen ihrer sonstigen Praxis) lediglich eine Telefonkonferenz veranstaltet.

Wer jetzt denkt: Das Ganze war ja an Neujahr, kein Wunder, dass sich die Nasa zurückhält, tut der Raumfahrtbehörde unrecht: Die Nasa hat auch schon an Weihnachten den Mond umkreist oder am amerikanischen Nationalfeiertag einen Kometen beschossen – und nicht den Mantel des Schweigens darüber ausgebreitet. Im Gegenteil.

Und warum das geringe Interesse? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil der Mond lange Zeit das Lieblingskind des inzwischen geschassten Nasa-Chefs Michael Griffin war, von dem man sich jetzt abgrenzen will? Vielleicht, weil derzeit offiziell Flüge zu einem Asteroiden (und nicht zum Mond) ganz oben auf der Agenda stehen, und man davon nicht ablenken will? Vielleicht, weil die Nasa im Moment genug Probleme hat, künftige Mars-Missionen zu finanzieren und daher die volle PR-Aufmerksamkeit dem Roten Planeten gilt? Am Budget der Grail-Mission sollte es auf jeden Fall nicht gelegen haben: Bei Kosten von etwa 500 Millionen Dollar müsste ein bisschen Geld für Öffentlichkeitsarbeit gerade noch drin sein.

Die Botschaft, die die Nasa an die Mondforscher und ihre Aktivitäten aussendet, ist jedenfalls klar. Um es mit den Worten eines ehemaligen Astronauten auszudrücken:

3 Antworten auf „Mond? Langweilig!”

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Daniel Fischer

Januar 2nd, 2012 at 16:25

Kein Twitter-Feed von oder zu GRAIL? Also ich folge @GRAIL_101 und wurde dort in den beiden LOI-Nächten bestens informiert. Von der Tweet-Flut der NASA-Fans in meiner Timeline ganz zu schweigen: Vielleicht hat die NASA inzwischen gemerkt, dass sie gar nicht mehr auf die Pauke zu hauen braucht, weil die sozialen Netzwerke ohnehin für den nötigen Wirbel sorgen …

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Alexander Stirn

Januar 2nd, 2012 at 17:18

@GRAIL_101 ist kein Nasa-Account. Da hat jemand brav die vorher feststehende Timeline für die Ankunft am Mond abgeschrieben und mit Erfolgsmeldungen ohne Quellenangabe vermischt. Nicht wirklich seriös.

Und ich will keine Tweet-Flut von Nasa-Fans, die sich gerne mal gegenseitig abschreiben, sondern verlässliche Quellen aus erster Hand. Sonst verbreiten sich Gerüchte wie bei “Phobos-Grunt”, wo jemand behauptet hat, er kenne jemanden, der gerade im Goldstone-Kontrollzentrum sitze – und flugs hatten sich dessen Erfindungen ungeprüft über Twitter verbreitet.

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Ralf

Januar 10th, 2012 at 18:43

Ich denke mal interessant ist ein Projekt für die Öffentlichkeit nur dann wenn ich Bilder davon habe. Mal abwarten was passiert wenn die ersten errechneten Schwerkraftbilder fertig sind.

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