Exoplaneten! Frische Exoplaneten! Wer will Exoplaneten?

Jan
2012
12

In der Astronomie gibt es derzeit – so scheint es – kein heißeres Thema als die Suche nach fremden Welten. Allein gestern Abend haben Forscher (wenn ich mich nicht verzählt habe) der Öffentlichkeit sechs neue und drei aufgewärmte Exoplaneten präsentiert. Die Astronomen wissen dabei ganz genau, womit sie Aufmerksamkeit erzeugen können.

Kleine Suchaufgabe: Wie viele (nicht maßstabsgetreue) Exoplaneten befinden sich auf diesem Bild? (Künstlerische Darstellung: Eso/M. Kornmesser)

Kleine Suchaufgabe: Wie viele (nicht maßstabsgetreue) Exoplaneten befinden sich auf diesem Bild? (Künstlerische Darstellung: Eso/M. Kornmesser)


Um die drohende Sättigung in den Medien (Exoplaneten? Nicht schon wieder Exoplaneten!) zu umgehen, die bei ständig wiederkehrenden Themen unweigerlich eintritt, stellen die Planetenjäger zunehmend extreme Funde in den Mittelpunkt: Superlative (die drei kleinsten Exoplaneten), Seltsames (Exoplaneten, die einen Doppelstern umkreisen – inklusive der unumgänglichen „Star Wars”-Referenz), Spekulatives (ein Exoplanet, der Ringe wie Saturn haben könnte).

Dass derzeit vor allem das amerikanische Kepler-Teleskop immer neue, immer spektakuläre Funde vermeldet, verwundert dabei nicht: Keplers Methode, die auf die dreifache Verdunklung eines Sterns durch einen vorbeiziehenden Planeten und die anschließende Bestätigung mit erdgebundenen Teleskopen setzt, braucht einfach eine gewisse Anlaufzeit. Vor allem aber buhlen seine Betreiber gerade darum, dass ihre Mission um zwei Jahre zu verlängert wird. Die Entscheidung soll im Februar fallen. Da kommen viele, tolle, neue Entdeckungen gerade recht.

Den Exoplaneten abgeschossen hat aber ein internationales Astronomenteam unter Leitung des Pariser Forschers Arnaud Cassan: Sechs Jahre lang haben die Wissenschaftler mit der sogenannten Gravitationslinsenmethode nach Planeten gesucht, drei brauchbare Exoplaneten haben sie dabei gefunden (von denen einer laut Spiegel Online nicht einmal offiziell bestätigt ist), auf einen Durchschnitt von 1,6 Planeten pro Stern sind sie auf Basis dieser Beobachtungen (und einiger früherer Funde) gekommen.

Ich bezweifle gar nicht, dass die statistische Auswertung der Daten korrekt ist – ich setze das bei einer Veröffentlichung in Nature sogar voraus. Die Frage ist vielmehr: Ist es wissenschaftlich sinnvoll, bei nur einer verwendeten Methode, die wiederum einen systematischen Fehler ins Spiel bringt, und bei einer sehr dünnen Datenlage, die durchschnittliche Anzahl der Planeten pro Stern auf eine Nachkommastelle genau anzugeben (was ja impliziert, dass man sich auch noch über die zweite Dezimalstelle einigermaßen sicher ist)?

Aber so eine Zahl, auch wenn sie in der Nature-Veröffentlichung nur ganz am Schluss auftaucht, und auch wenn sie laut Fehlerrechnung zwischen 0,7 und 2,3 Planeten/Stern liegt, macht sich nun mal deutlich besser als die die simple Feststellung, dass Planeten dort draußen verdammt häufig sind. Das hat vor etwa einem Jahr bereits das Kepler-Konsortium festgestellt, welches damals zu dem Schluss kam, dass mindestens jeder zweite Stern einen planetaren Begleiter hat. Im Rahmen der Messgenauigkeit und angesichts der Tatsache, dass Kepler seitdem bereits viele neue Planeten entdeckt hat, haben die Gravitationslinsenforscher das damalige Ergebnis im Grunde lediglich bestätigt.

Wirklich absurd wird es aber, wenn auf Basis der dünnen Daten sogar die Häufigkeit sogenannter Supererden mit der fünf bis zehnfache Erdmasse in der Umgebung ferner Sterne berechnet wird. Die soll laut Nature-Veröffentlichung mit einer gewissen Unsicherheit zwischen 25 und 97 Prozent liegen. Man könnte auch sagen: Sie liegt mit Sicherheit zwischen 0 und 100 Prozent.

Die Pressemitteilung der Europäischen Südsternwarte schweigt sich zu diesen Unsicherheiten aus. Stattdessen steht sie unter der Überschrift: „Planeten so weit das Auge reicht: Planeten um andere Sterne sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel”. Es klingt fast wie ein stummer Schrei nach Aufmerksamkeit in einer Exoplanetenwelt, die mehr und mehr von der Kepler-Konkurrenz und ihrem stetigen Fluss neuer Funde dominiert wird.

2 Antworten auf „Exoplaneten! Frische Exoplaneten! Wer will Exoplaneten?”

Avatar

Jörg

Januar 14th, 2012 at 11:03

Das geht wohl den Menschen wie den Leuten. Ich habe auch erst im Hörsaal erfahren, dass halt nicht alle am Projekt beteiligten Wissenschaftler die öffentliche Vermutung und Bekanntmachung unterschrieben haben, wonach Neutrinos schneller als das Licht sein könnten. Im Publikum saß ein zufällig ein Prof. vom CERN, der sich diesbezüglich nach der Vorlesung zu Wort meldete. Seinen Worten entsprechend würde die wissenschaftliche Aufarbeitung noch einige Jahre in Anspruch nehmen, um mit derartigen Vermutungen an die Öffentlichkeit gehen zu können.

Avatar

Roman Jakob

Mai 11th, 2012 at 19:08

Die These Neutrinos schneller als das Licht ist allemal besser als zu 100Prozent dem guten Einstein zu vertrauen.(Autorität immer anzweifeln)
Wir betreiben seit nur etwas mehr als 100 Jahren solch elementaren Forschungen.Lassen wir die Kritiker arbeiten.In 100 Jahren sieht die Sache sicherlich anders aus.ODER EINSTEIN ist Sieger.
Jedenfalls dient es dem Gesamtkonzept der Physik ständig zu zweifeln.

Kommentieren