„Rosat”-Absturz: Die Flucht in (kleine) Zahlen

Okt
2011
21

Irgendwann, voraussichtlich am Sonntag, wird der ausgediente deutsche Röntgensatellit Rosat zurück zur Erde stürzen. Wo und wie er am Erdboden aufschlagen wird, kann niemand genau sagen (Live-Blog bei Daniel Fischer). Sicher ist nur: Er kommt runter. Der Absturz lässt sich weder steuern noch verhindern.

Es ist die große Zeit der Statistiker, die die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags für jeden Ort der Erde am liebsten noch mit der zigsten Nachkommastelle berechnen. Doch was sollen uns diese Zahlen sagen? Und vor allem: Woher kommt diese Obsession für Wahrscheinlichkeiten, unter denen sich eh kein Mensch etwas vorstellen kann?

Blogger und Medien (mich eingeschlossen) kolportieren die offiziellen Zahlen jedenfalls höchst bereitwillig:

  • Mit 1:580 geben die Experten von DLR und ESA (zumindest noch vor einigen Tagen) die Wahrscheinlichkeit an, dass Teile von Rosat über Deutschland niedergehen.
  • Bei 1:2000 liegt die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein Mensch durch die Trümmer zu Schaden kommt.
  • Die Gefahr, dass jemand in Deutschland getroffen wird, beträgt 1:700.000.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Mensch Teile von Rosat abbekommt, beziffern Experten auf 1:100.000.000.000.

Und nun? Eins zu 580 klingt beeindruckend exakt, doch seien wir mal ehrlich: Wer kann etwas damit anfangen, wer kann sich darunter etwas Konkretes vorstellen? Daran ändert sich auch nichts, wenn man versucht, die Wahrscheinlichkeit anders auszudrücken: Einer von 580 abstürzenden Rosats würde rein statistisch Deutschland treffen – es fällt allerdings nur ein Röntgensatellit vom Himmel. Oder: Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland nicht getroffen wird, liegt bei 99,828 Prozent. Schön, hoch, inhaltsleer.

Nein, wirklich aussagekräftig ist all das nicht, genauso wenig wie der Versuch, andere Wahrscheinlichkeiten wie (äußerst beliebt) Blitzeinschläge, Lottogewinne, Vom-Traktor-Überfahren-werden als Vergleichswerte aufzulisten. Seien wir ehrlich: 1:580, 1:5800 oder 1:58.000 – was macht das in der Praxis, in der Lebenswirklichkeit der Menschen für einen Unterschied?

Mir persönlich reicht es vollkommen, wenn ich weiß: Es ist ein gewisses Risiko vorhanden, aber das ist äußerst gering. Immerhin ist bislang bei allen unkontrollierten Satellitenabstürzen noch nie ein Mensch zu Schaden gekommen. Alles andere ist für mich nur der Versuch, das Unfassbare in Zahlen zu pressen und mit (vermeintlichen) Fakten gegen die Hilflosigkeit anzukämpfen: Wenn man den Rosat-Absturz schon nicht kontrollieren kann, wann man nicht weiß, wo er runterkommt, so ist da wenigstens ein Wert, an dem man sich festhalten kann. Eine kleine, feine Zahl, die irgendwie beruhigend, die irgendwie greifbar wirkt – auch wenn sie das überhaupt nicht ist.

Eins zu 580, das klingt, als habe man die Situation vollkommen unter Kontrolle. Das ist verständlich, aber letztlich ist es nur eine statistische Beruhigungspille.

6 Antworten auf „„Rosat”-Absturz: Die Flucht in (kleine) Zahlen”

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Live-Blog zum Wiedereintritt des ROSAT « Skyweek Zwei Punkt Null

Oktober 21st, 2011 at 17:19

[...] am Sonntagmorgen zu stabilisieren scheint), eine Erwähnung der ROSAT-Flares, zwei deutsche Blogs hier und hier, die jeweils – Danke! – auf dieses Live-Blog verweisen, Artikel zu ROSATS [...]

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Henning Krause

Oktober 21st, 2011 at 19:55

Tja, Wahrscheinlichkeiten sind schon etwas Besonderes. Und sie sind schwer zu fassen und kompliziert zu vergleichen – z.B. der Unterschied zwischen „irgendein Mensch auf der Welt erleidet einen Schaden” und „ein bestimmter Mensch auf der Welt erleidet einen Schaden”. Und welche setzte ich dann sinnvollerweise ins Verhältnis zu anderen Wahrscheinlichkeiten wie Lottogewinn, Autounfall, etc. Gerade das letzte – die Frage „Wie hoch ist das Risiko für mich persönlich im Vergleich zu anderen alltäglichen Risiken?” – ist meiner Vermutung nach für viele Menschen relevant. Und insofern widerspreche ich auch Deiner These von der „statistischen Beruhigungspille”. Da kann dann ein Vergleich von verschieden hohen Wahrscheinlichkeiten (z.B. 1:580 im Unterschied zu 1:58.000) schon eine Relevanz haben. Aber ich stimme Dir zu, dass die absoluten Wert von niedrigen Wahrscheinlichkeiten wie 1:700.000 an sich schwer zu fassen sind. By the way: Mein Lese-Tipp zur Thematik Wahrscheinlichkeiten: „Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken” von Gerd Gigerenzer. (Offenlegung: Ich arbeite für das DLR.)

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Alexander Stirn

Oktober 24th, 2011 at 02:10

Danke für den Tipp, den Gigerenzer muss ich mir mal anschauen.
Und nur damit keine Missverständnisse auftreten: Ich finde es richtig, dass das DLR die Zahlen veröffentlicht (ich habe mit Andreas Schütz auch darüber diskutiert), und ich habe in meinen „Rosat”-Artikeln die Werte auch weitergetragen, da ich überzeugt bin, dass die Leute so etwas lesen wollen. Ich frage mich nur, ob sie damit rational betrachtet – selbst im Vergleich mit anderen schwer zu fassenden Risiken – wirklich etwas anfangen können, oder ob es nicht eher ein Placebo-Effekt beruhend auf einer vernünftig erscheinenden Zahl ist.

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Jörg

November 3rd, 2011 at 14:07

[...]Immerhin ist bislang bei allen unkontrollierten Satellitenabstürzen noch nie ein Mensch zu Schaden gekommen.[...]

Ein Mensch nicht, aber ne Kuh! (-: Der Bauer hatte wohl Glück, dass er sie nicht gerade gemolken hat! (-;

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Jörg

November 3rd, 2011 at 14:17

Oder war es ein Raketenteil? Na ja, der Kuh war es egal.

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Jörg (zum Dritten)

November 9th, 2011 at 22:17

Die Ernsthaftigkeit jener Meldungen über Wahrscheinlichkeiten vom Eintritt eines Schadens durch Weltraumschrott, möchte ich sehr wohl in Frage stellen.

Konstrukteuren von Raumfahrzeugen jeglicher Art sollte heutzutage schon vor der Montage jener Vehikel bewusst sein, welches Ende diese (bei geplantem Ablauf der Mission) nehmen werden.
Ist nun ein unkontrollierter Wiedereintritt in die Erdatmosphäre vorhergesehen, also Bestandteil der Mission, und ist man sich sehr offensichtlich bewusst, dass Teile des abstürzenden Satelliten Schaden anrichten könnten (dies ist man in Kenntnis der verwendeten Materialien und Technologien definitiv) – warum beginnt man dann erst nach Jahren offenbarer Schwerelosigkeit die Öffentlichkeit über ihr unvorhersehbares Risiko aufzuklären – wenn weder Ingenieure, noch Statistiker, noch Journalisten das Unvermeidliche aufhalten könnten. Wenn man am Anfang nicht den Mund aufgemacht hat – warum hält man ihn dann nicht bis zuletzt! Gewissensbisse? Wohl kaum!

Ist es nun seriös und professionell, „fünf Minuten“ vor dem Absturz die Öffentlichkeit zu bemühen, sich über wirre Zahlen-Duelle Gedanken zu machen? Oder möchte man durch die künstlich hervorgerufene Aufregung vielleicht verschleiern, dass man nicht willens ist, eine Idee solide bis zum Ende zu durchdenken?
Angesichts des ganzen Weltraumschrotts, der auch kontinuierlich jede Woche auf die Erde fällt, stellt sich mir diese Frage wiederholte Male.
Gern bedient man sich zur eigenen Rechtfertigung dann des Vergleichs, z.B. mit den vielen Tonnen Meteoritengesteins, dass natürlicherweise auf die Erde fällt. Aber Meteoriten sind nicht greifbar, wie die Zeit und das Wetter. Und damit bleiben sie in diesem Zusammenhang wohl nur eine stilistische Figur.

Möglichkeiten genug jedoch für Statistiker, immer mal wieder zu Wort zu kommen, mehr aber auch nicht … (nur kubanischen Kühen wird es wohl ewig verwehrt bleiben, sich ihr Risiko vorrechnen zu lassen … (-;)

21. Jahrhundert, das Jahrhundert in welchem die Raumsonden drei Monate bis zum Mond brauchen. Und die Erdbevölkerung lernt, dass Raumflugkörper nicht immer den gewünschten Abstand zum Erdboden einhalten, auch nicht wenn sie radioaktive Stoffe geladen haben. http://nachrichten.lvz-online.de/nachrichten/wissenschaft/72-stunden-hoffnung-fuer-russische-marsmond-mission/r-wissenschaft-b-153488.html
Im Namen des Fortschritts …

P.S. Ich wollte damit auch einmal Ihre hier im Blog öfters auftretende, ablehnende Haltung gegenüber der Entwicklung in der Raumfahrt aufgreifen, Herr Stirn. (-;
Einen schönen Abend!

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