Was sich im Wissenschaftsjournalismus ändern muss: Sechs Thesen

Nov
2010
9

Im Vorfeld der gerade stattfindenden Konferenz “Wissenswerte” hatte mich die WPK, der Berufsverband der Wissenschaftsjournalisten, um ein kurzes Statement zur Frage “Sind Wissenschaftsjournalisten zu zahm?” gebeten. Das habe ich gerne getan, und weil ich mir zuletzt eh einige Gedanken über das Verhältnis von Wissenschaft und Journalismus gemacht habe, sind aus dem kurzen Statement letztlich sechs Blog-Thesen zu den aktuellen Herausforderungen des Wissenschaftsjournalismus geworden – gedacht als Zustandsbeschreibung, als persönliche Handlungsmaxime und (im Idealfall) auch als Ausgangspunkt einer Diskussion:

1. Der Wissenschaftsjournalismus steckt in der Klemme
Die Medien befinden sich, ausgelöst durch den Siegeszug des Webs, in einer tiefen Strukturkrise. So weit, so bekannt. Der Wissenschaftsjournalismus hat dabei aber ein ganz spezielles Problem: Wie vielleicht keine andere Sparte im Journalismus muss er damit kämpfen, dass die (langjährigen) Objekte seiner Berichterstattung plötzlich selbst aktiv werden: Zum einen bloggen Wissenschaftler (in zugegeben noch überschaubarem, aber steigenden Ausmaß) und bringen dabei die Ergebnisse ihrer Forschung selbst an die interessierte Öffentlichkeit. Zum anderen haben die Pressestellen der Universitäten und Forschungseinrichtungen ihre Aktivitäten stark ausgebaut. Die Pressestellen geben gedruckte Magazine heraus, die es in puncto Layout und immer öfter auch in der Qualität der Texte mit klassischen Wissenschaftsmagazinen aufnehmen können. Die Pressestellen veröffentlichen im Netz klassische Wissenschaftsreportagen, sie bloggen, sie versuchen sich an Podcasts und sind daher klassische Medien bereits sehr ähnlich – nur mit dem Unterschied, dass sie eine klare PR-Agenda verfolgen. Uni-Pressesprecher in den USA sagen bereits: “Wenn ich unsere Themen an den Mann bringen will, brauche ich keine Journalisten mehr.” Wie also kann in diesem Spannungsfeld zwischen (bloggenden) Wissenschaftlern und immer professionellerer PR der Journalismus seinen Platz behaupten?

2. Der Wissenschaftsjournalismus ist zu zahm
Journalisten, die einfach nur die Pressemitteilungen der Universitäten wiedergeben, braucht kein Mensch. Das können (und machen) die Pressestellen genauso gut. Bunte Geschichten, die den Leser oder Zuhörern die Welt erklären, werden auf Dauer auch keine Lösung sein. So etwas erledigen bloggende Wissenschaftler ähnlich gut – und im Zweifel sogar glaubwürdiger. Wissenschaftsjournalisten müssen mehr leisten. Sie müssen neue Entwicklungen einordnen, in einen Kontext stellen, auf mögliche Widersprüche abklopfen. Sie müssen wissenschaftliche Ergebnisse infrage stellen, sie müssen ihre Hintergründe und die Motivation der Forscher erkunden – inhaltlich, finanziell, politisch. Und sie müssen endlich anfangen, unangenehme Fragen zu stellen. Ja, investigative Arbeit ist schwer, mühselig, oftmals furchtlos und macht einem (zumindest kurzfristig) wenig Freunde. Aber einfach weiterhin den verständnisvollen Wissenschaftsfreund zu spielen, wird auf Dauer keine Lösung sein. Bei aller Liebe zur Wissenschaft: Journalisten müssen endlich aufhören, sich wie Schoßhündchen der Forscher aufzuführen. Schoßhündchen beißen nicht. Ein bisschen mehr Biss ist aber genau das, was dem Wissenschaftsjournalismus fehlt.

3. Vergesst die Objektivität
Ein Text nach dem Schema “Forscher A hat etwas entdeckt, Forscher B sagt irgendetwas dazu” bringt niemandem etwas – auch wenn er der reinen Lehre entsprechen mag. Er ist nur ein Zeichen dafür, dass sich der Autor oder die Autorin das Leben allzu leicht gemacht hat, dass er oder sie sich hinter der beliebten Formulierung “US-Forscher haben herausgefunden…” versteckt. Anstatt die neue Entdeckung einzuordnen, anstatt sie zu analysieren, anstatt zu recherchieren, Veröffentlichungen zu lesen und sich selbst Gedanken zu machen, wälzen die Autoren diese Aufgabe auf ihr Publikum ab. Wer sich als Journalist auf die (bequeme) Position zurückzieht, nur der Überbringer der Nachricht zu sein, wird in einer Zeit, in der die nächste Nachricht nur einen Klick entfernt ist, seiner Aufgabe nicht mehr gerecht – er wird zu einem, wie es der britische Wissenschaftsjournalist Ed Yong formuliert, “Megafon mit Ohren”. Um es klar zu machen: Auch das Analysieren, Einordnen und Kommentieren von Wissenschaftsthemen muss auf den Fakten basieren. Trotz aller Subjektivität dürfen sich Wissenschaftsjournalisten nicht auf eine Seite schlagen – nicht auf die eines Forschers, eines Forschungsgebiets und schon gar nicht auf die Seite “der Wissenschaft”. Auch hier gilt das alte Friedrichs-Zitat, dass ein Journalist sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht einer guten Sache. Und er/sie macht keine PR. Punkt.

4. Die Zukunft ist sozial
Seien wir ehrlich: Der Autorenname, der klein unter einer Tageszeitungs- oder Magazingeschichte steht, interessiert die Leser überhaupt nicht. Ein Wissenschaftsjournalismus, der sich nicht nur als neutraler Betrachter, sondern als kritischer Begleiter versteht, lebt aber von den Menschen, die diese Positionen einnehmen. Die Journalisten müssen daher zu den Lesern kommen – und die sind (zumindest zu einem gewissen Teil) im Internet. Also: bloggen, twittern, den direkten Kontakt mit den Menschen suchen. Dieser Dialog ist manchmal schmerzhaft und nervend, aber er ist auch sehr erhellend.

5. Erzählt Geschichten
Eine gute Geschichte braucht eine gute Geschichte. Daher die Aufforderung: Vergesst die Meldungen und die Erklärstücke, erzählt Geschichten aus der Wissenschaft, persönlich, emotional, gut komponiert! Das Wissenschafts-Fernsehen (an dem man vieles kritisieren könnte) macht es in diesem Punkt vor: Es personalisiert gnadenlos, es sucht sich seine Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen, es vermittelt Wissenschaft anhand eines klaren roten Fadens. Eine gute Wissenschaftsgeschichte muss fesseln, daher wird Storytelling, also das Geschichtenerzählen, immer wichtiger. (Kleiner Nachtrag aus den Kommentaren: Ich will keine Personalisierung um jeden Preis – im Gegenteil. Ich will nur, dass sich Journalisten im Vorfeld überlegen, mit welchen Ideen, Menschen, Konzepten sie eine Geschichte möglichst interessant und zum Thema passend erzählen können).

6. Ihr seid Journalisten!
Vor knapp zehn Jahren bei der Aufnahmeprüfung an der Deutschen Journalistenschule wurde ich gefragt, was der bessere Weg im Wissenschaftsjournalismus sei: Wissenschaftlern das journalistische Handwerk beizubringen oder Journalisten die wissenschaftlichen Grundkenntnisse zu vermitteln? Ich weiß nicht mehr, was ich damals gestammelt habe, aber heute ist meine Antwort klar: Wissenschaftsjournalisten müssen sich in erste Linie als Journalisten verstehen und keinesfalls als Wissenschaftsfans mit journalistischen Ambitionen. Lange Zeit war das anders, da wurde hauptsächlich Wert auf fachliche Kompetenz gelegt, da wurden sachlich korrekte aber staublangweilige Texte in der Redaktion etwas aufgehübscht. Doch es muss genau andersherum laufen. Einige der besten Wissenschaftsgeschichten, die ich jemals gelesen habe, stammen von Journalisten, die sich zwar intensiv ins Thema eingearbeitet hatten, die aber zunächst einmal nicht viel mit Wissenschaft am Hut hatten. Dafür waren die Texte sauber recherchiert, sie stellten die richtigen Fragen, sie waren unterhaltsam und packend aufgeschrieben. Sie waren, mit einem Wort, journalistisch. Nur wenn sich der Wissenschaftsjournalismus auf diese Tugenden besinnt, hat er eine Chance.

17 Antworten auf „Was sich im Wissenschaftsjournalismus ändern muss: Sechs Thesen”

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Alexandra Schulz

November 9th, 2010 at 14:14

Lieber Herr Stirn,

danke für diesen schönen Beitrag – er spricht durchaus viele Punkte an, die auch ich so empfinde. Allerdings eines ist doch eine schmale, eine sehr schmale Gratwanderung:

Punkt 5 – Erzählt Geschichten. Sie haben Glück, sie haben selbst Physik studiert und können das ein oder andere gut einordnen. Ich selbst habe ebenfalls eine Ingenieurwissenschaft studiert und was sich da im Fernsehen bei den Wissenschafts- und Wissenssendungen formiert, lässt einen zum Teil die Haare zu Berge stehen. Ich persönlich sehe gerade die “gnadenlose Personalisierung” als größten Fehler und Rückschritt. Nicht, weil es nicht spannend und manchmal auch angemessen wäre. Sondern weil ich erahne, was aus der einst gut gedachten Idee werden könnte: Einzelschicksale, die das Thema eben wieder nicht objektiv-kritisch sondern subjektiv-wahrheitsverzerrend darstellen. Dabei sollte ersteres gerade beim Wissenschaftsjournalismus “heilig” sein, wo es doch so vielen anderen Sparten schon abhanden gekommen ist.

Herzliche Grüße, A. Schulz

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Wolfgang Noelke

November 9th, 2010 at 14:52

Ausgezeichnete Thesen! Die gilt für den Journalismus allgemein: Zunächst mal alles infrage stellen, die Labors besuchen um zu sehen, was dort passiert und dies vergleichen mit den eigenen Erfahrungen ähnlich gelagerter Themen. Das ist die notwendige Recherche, die leider nur noch wenige Redaktionen honorieren. Im wahrsten Sinne des Wortes sind die wenigsten Redaktionen in der Lage, für Recherche Zeit und Geld zu investieren, um den Journalisten Zeit zu lassen, Wissenschaftsgeschichten jenseits der, mit Comedians besetzten Sensationsshows zu personalisieren.

Das in Deutschland noch lange gepflegte Klischee “zerstreuter Professoren” oder hektisch hantierender Chemiker, in von Trockeneis vernebelten Laboratorien verschwindet zwar langsam in der Mottenkiste, aber Stars, wie in beispilesweise in Japan sind Wissenschaftler und Forscher hierzulande noch lange nicht.
Dieser kulturelle Unterschied schlägt sich auch in der lokalen Berichterstattung nieder und nicht zuletzt in der Bereitschaft der Verleger und Intendanten, Etats für guten Wissenschaftsjournalismus bereitzustellen.

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Karl Kraut

November 9th, 2010 at 17:37

Etliche der hier formulierten Gedanken scheinen mir so richtig, dass ich sie gern teile.
Zudem erscheinen mir auch manche der Thesen nachdenkens- und verfolgenswert.
Aber wer – bei allem Sinn fuer polemische Zuspitzung – von Journalisten fordert: “Vergesst Objektivitaet” (s.o.: These 3), der hat im Journalismus nichts verloren, weil er zu wenig verstanden hat und sollte nach meiner Auffassung jene Journalisten verschonen, die sich um ernsthaftes Arbeiten bemuehen.

Meine (wohlwollende) Vermutung: hinter solchen Schlagwort-Blendgranaten steckt das Missverstaendnis, das Objektivitaet mit Langeweile, mit Ambivalenz, mit Faulheit, Nachlaessigkeit, fehlender Meinungsfreude usw. gleich setzt.
All dies gehoert nicht z uden (Wissenschafts)Journalistischen Tugenden, fuer die sich zu streiten lohnt. Im Unterschied zu dem Bemuehen, auch die andere Seite zu erkennen, einzuordnen, zu gewichten, zu beurteilen.

Was mir fehlt: Wer, bitteschoen, soll denn das ganze Blogwerk bezahlen, das hier gefordert wird? Wo gibt es lohnende Geschaeftsmodelle fuer ein Soziales Netzwerk des Wissenschaftsjournalismus, das den dort arbeitenden Menschen/Journalisten/Bloggern ein faires Auskommen und eine materielle Unabhaengigkeit langfristig zusichert?
So lange wir hier nicht ueber konkrete Modelle diskutieren koennen, halte ich diese Diskussion fuer eine Luftnummer.
Und damit fuer unjournalistisch.

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Dr. Christoph Fischer

November 9th, 2010 at 19:12

Welch eine Wohltat zu später Stunde im Zustande nach Nachtdienst..

Kurz zu den brillianten Thesen:

1. Die beschriebene Klemme stimmt aufs Wort…und ist Medizinjournalisten (Untergattung der Wissenschaftsjournaille) seit Jahrzehnten aus den Pressestäben der Pharmazeutischen Unternehmungen bestens bekannt.

2. Der Medizinjournalismus liefert für die Richtigkeit der Beobachtungen zig Beispiele. Indem er nämlich in aller Regel NICHT in der Lage ist, relevante Skandale oder Missstände im Bereiche der Medizinscene -und deren gibt es mehr als genug- aufzudecken. Das besorgen polititsche Magazine wie Report oder Frontal im TV .. Grund: dort sind Journalisten am Werk…Sic!! Das Bild vom “Schosshündchen” mit wissenschaftspositivistischer Attiüde stimmt…man möge Frau Nina Ruge oder Herrn Ranga Yogi dingsbums (WDR) künftig das Attribut “Wissenschaftsjournalist” versagen !! Wuff….

3. Sehr gut beobachtet…leider verkennen die meisten Wissenschaftsjournalisten das immanent Prozesshafte – und damit prinzipiell Unfertige in der Wissenschaft! Man sollte eben mehr bei Karl Popper und weniger in Pressemeldungen oder “Wissenschaftsjournalistischen Handbüchern” nachlesen…. Würde man übrigens den Satz: “Wissenschaftsjournalisten –(dürfen)..sich nicht auf eine Seite schlagen” auf Medizinjournalisten anwenden, dann müssten 99 Prozent davon noch HEUTE ihen Job quittieren…;))) wäre kein Verlust…ehrlich gesagt…

4. Ich kann weder “bloggen” noch “twittern” …und kann daher nicht beurteilen ob ein solchermassen gestalteter Dialog “schmerzhaft und nervend” oder gar “erhellend” ist…mag sein…

5. und 6.
Unterschreibe alles …und zwar mit ROT und mit Nachdruck..; Wissenschaftsjournalismus ist Journalismus, der sich Wissenschaft im weitesten Sinne zum Recherche-und Darstellungsfeld gewählt hat. Aber er ist und bleibt Journalismus…und den lernt man am besten und eigentlich ausschliesslich von Journalisten.. Denkt man die unter Punkt 5. und 6. genannten Argumente konsequent weiter…dann müsste man sich von “Wissenschaftsjournalistik-Instituten” und entsprechenden Lehrstühlen noch heute verabschieden. Wenn ich bedenke, dass entsprechende Institute vermehrt “Einübungen in die Techniken der PR” und ähnliches anbieten wäre das möglicherweise nicht die schlechteste Idee……

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Daniel Fischer

November 10th, 2010 at 02:34

Die Punkte 2 und 3 verkennen m.E. den immanenten Unterschied zwischen Wissenschafts- und praktisch jeder anderen Art von Journalismus, jedenfalls so weit es um den Bericht über und die Bewertung von publizierten Forschungsergebnissen geht. Wenn ich ein Paper in einer referierten Zeitschrift lese oder auf einer Konferenz einem Vortrag und der folgenden Diskussion lausche, dann hat “das System”, das die Wissenschaft als solche ausmacht, bereits einen gehörigen Teil meiner Arbeit erledigt und die offensichtlichen kritischen Fragen gestellt und auch solche, auf die ich selber nie gekommen wäre. (Das ist natürlich der Idealzustand, der aber m.E. deutlich häufiger auch wirklich der Fall ist als dass er empfindlich verletzt wird.)

Natürlich darf ich mir danach auch als Beobachter eine eigene Meinung bilden und mich für oder auch mal gegen das aussprechen, was mir gerade als Konsens präsentiert wurde, wenn ich klar dagegen argumentieren kann. Aber das kann ich eben nur, wenn ich einen tiefen Einblick in die Materie (v.a. auch frühere Veröffentlichungen in dem Gebiet) und den Wissenschaftsbetrieb und seine Methoden habe, weshalb ich Punkt 6 sogar energisch widersprechen muss. Während ich den Punkten 1, 4 und 5 im Wesentlichen zustimme, auch wenn ich ein Wissenschaftsfernsehen wie in Punkt 5 beschrieben gerne einmal sehen würde: Wo läuft denn sowas (hierzulande)?

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Alexander Stirn

November 10th, 2010 at 03:11

@Karl Kraut: Aber wer – bei allem Sinn fuer polemische Zuspitzung – von Journalisten fordert: „Vergesst Objektivitaet” (s.o.: These 3), der hat im Journalismus nichts verloren, weil er zu wenig verstanden hat und sollte nach meiner Auffassung jene Journalisten verschonen, die sich um ernsthaftes Arbeiten bemuehen.

So habe ich bis vor kurzem auch gedacht. Wenn wir aber ehrlich sind, dann ist der Gedanke, es gebe eine hundertprozentige Objektivität, ein Trugbild. Statt sich auf die bequeme aber unerreichbare Objektivität zurückzuziehen, sollten sich Journalisten vielmehr den Fakten und der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet fühlen. Auf dieser Basis (und nur darauf) können sie dann ihre eigenen Gedanken und Interpretationen entwickeln. Ich empfehle in diesem Zusammenhang gerne nochmals den bereits oben verlinkten Beitrag von Ed Yong.

Was mir fehlt: Wer, bitteschoen, soll denn das ganze Blogwerk bezahlen, das hier gefordert wird? Wo gibt es lohnende Geschaeftsmodelle fuer ein Soziales Netzwerk des Wissenschaftsjournalismus, das den dort arbeitenden Menschen/Journalisten/Bloggern ein faires Auskommen und eine materielle Unabhaengigkeit langfristig zusichert?

Ich fordere ja nicht, dass plötzlich sämtliche klassischen Medien eingestellt und nur noch gebloggt wird. Wer seine Leser ernst nimmt, wer mit ihnen diskutieren und in Kontakt treten will, muss allerdings dahin, wo die Leser (auch) sind – ins Internet. Es gibt auch kein Geschäftsmodell für Leserbriefseiten und doch werden dafür Platz sowie Redakteure bereitgestellt.
Und (ketzerische) Gegenfrage: Wo ist das Geschäftsmodell, das mittel- oder gar langfristig das Überleben von Tageszeitungen oder Magazinen sicherstellt?

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Karl Kraut

November 10th, 2010 at 10:16

@astirn: Ich verstehe Ihren Hang zur Polemik nicht, zu Verkuerzungen, Einseitigkeiten, Windimensionalitaeten.
Leserbriefseiten, so viel ist doch wohl seit der Steinzeit der Blogosphaere klar, lassen sich doch nun wirklich nicht mit Blogs und den Arbeiten von Bloggern vergleichen.
Oder habe ich hier was verpasst/missverstanden?

Und wer haette je bestritten, dass das Geschaeftsmodell von Zeitungen & Zeitschriften in einer Krise ist?
Doch kann die Krise des einen Mediums (Print) nicht die Loesung fuer das (bilsang fehlende) Geschaefzmodell des anderen! (Blogs usw.) sein? Oder habe ich hier etwas missverstanden?
Wer zahlt nach Ihrer Auffassung und Kenntnis die journalstische Leistung eines Bloggers, seine Expertise, seine Recherche, sein Einordnen, seine Kritik – all das, was Sie berechteigterweise fordern – aber offenbar nicht zu Ende denken?

In meinem o.a. Diskussionsbeitrag spreche ich i.ue. nie von 100prozentiger Objektivitaet – die Sie ablehnen (als ob es das jemals gegeben haette……. so viel sollte jeder ueber Erkenntnistheorie wissen, bevor er sich Gedanken ueber die Rolle des Wiss-Journalismus macht).
Ich schreibe vom BEMUEHEN um Objektivitaet – was ich mir nach wie vor nicht ausreden lasse und weiterhin von allen, auch von Wissenschafzbloggern usw. fordere, sofern ich sie ernst nehmen soll.

Sie hingegen fordern das VERGESSEN von Objektivitaet – was ich fuer einen schweren Fehler und fuer nicht vereinbar mit journalistischem Vorgehen halte.

Gruss MK

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Werner Hajek

November 11th, 2010 at 09:47

Danke für den interessanten Artikel.
Ich möchte darauf hinweisen, dass Dr. Fischer mit seinem Kommentar eine wichtige Akzentverschiebung in die Debatte gebracht hat. Am zentralen Hebel der Forschung und ihrer PR sitzten längst nicht mehr die Universitäten, da regiert die forschende Wirtschaft mit ihren noch massiveren Eigeninteressen.
Ansonsten kann ich die Abwehr gegen allzu “menschelnder” Berichterstattung verstehen, aber wie überall geht es ja um die rechte Mischung. Wenn das Menschliche die Würze ist und nicht die Speise, dann ist das doch für Genuss und Verdaulichkeit nur zu begrüßen.

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etg

November 11th, 2010 at 09:56

Zu Punkt 5: bitte nicht.

Nichts ist derzeit schlimmer als die “gnadenlose Personalisierung”. Ein gewisses Maß an solcher schadet nicht, das zu viel, dass z.B. bei heute beobachtet werden kann, ist schlimm.

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nestbeschmutzer

November 11th, 2010 at 10:58

Wenn man nur die Pressemitteilungen haben will dann braucht man nichtmal mehr die Zeitungen. Ich muss einfach auf die Webseite vom Informationsdienst Wissenschaft http://idw-online.de/de/ gehen und ich hab die Verlautbarungen der Pressestellen sogar schon ein, zwei Tage früher. Und leider tatsächich all zu oft in exakt demselben Wortlaut wie dann später in den Zeitungen.

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Alexander

November 11th, 2010 at 13:39

These 6: versteht endlich, was die Wissenschaftler tun!
Und wenn ihr es nicht versteht, dann fragt jemanden, der es euch erklärt, oder lasst es bleiben. Das ist das Ärgernis Nummer 1 im Wissenschaftsjournalismus, wenn man als Wissenschaftler merkt, dass der Journalist vom Thema keine Ahnung hat. Man muss dazu nicht Physik oder Chemie oder Medizin studiert haben (wobei es sicher von Vorteil ist), aber mehr als “ich hab mal 3 Jahre PM abonniert” sollte man schon verlangen können.

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Alexander

November 11th, 2010 at 13:40

Korrektur, sollte These 7 heißen.

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Alexander Stirn

November 11th, 2010 at 16:34

@Alexandra Schulz: Ich selbst habe ebenfalls eine Ingenieurwissenschaft studiert und was sich da im Fernsehen bei den Wissenschafts- und Wissenssendungen formiert, lässt einen zum Teil die Haare zu Berge stehen. Ich persönlich sehe gerade die „gnadenlose Personalisierung” als größten Fehler und Rückschritt.

Stimmt natürlich, da hatte ich mich unsauber ausgedrückt. Ich meinte: Wir Printjournalisten sollten uns an der Herangehensweise von Fernsehmachern orientieren (die sich vorher überlegen, welche Geschichte sie mit welchen Protagonisten erzählen wollen), keinesfalls aber daran, wie diese Beiträge häufig umgesetzt werden. (Ich dachte, das Adjektiv “gnadenlos” würde diese Distanzierung deutlich machen, sorry). Wenn es sich anbietet, dürfen Geschichten meines Erachtens durchaus behutsam personalisiert werden – schließlich wird Wissenschaft von Menschen gemacht -, dieses stilistische Mittel darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Und schon gar nicht, sollte jeder Artikel über Wissenschaft wie eine Galileo-Sendung aufgemacht sein.

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Ulfi

November 11th, 2010 at 19:09

Lieber Herr Stirn,

Ich finde es gut, dass sie diesen Text geschrieben haben und ich kann ihnen in vielen Punkten nur zustimmen. Wissenschaftsjournalismus ist heutzutage mehr Desinformation als Information, weil die Autoren sich nicht die Zeit genommen haben, sich mit dem Gegenstand näher zu befassen.
Dies hat zur Folge, dass die Artikel oftmals nicht fundierter und seriöser sind als die PR-Texte, die oft in den selben Portalen zwischen die anderen Artikel eingefügt werden.

Ich muss aber auch Kritik äußern: Es reicht nicht aus zu formulieren, was besser werden muss. Solange Vorschläge so pauschal und ziellos formuliert werden, ist die Chance gering, dass sich jemand angesprochen fühlt. Schon alleine deswegen, weil ein Großteil der Journalisten von sich aus sagen würde: “Ich informiere mich doch! da gehöre ich nicht zu”. Besser wäre es, wenn sie zu ihren Thesen zumindest Positivbeispiele nennen oder verlinken.

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Marc

November 12th, 2010 at 11:10

“Sie müssen neue Entwicklungen einordnen, in einen Kontext stellen, auf mögliche Widersprüche abklopfen.”

Ja, das sage ich ja auch immer den Leuten, die mich (wegen meiner Biologenausbildung) fragen, warum ich nicht Wissenschaftsjournalismus mache. Und dann sage ich, dass ich das aus meinen bisherigen Erfahrungen für so auswändig halte, dass es nicht geht – jedenfalls wenn man davon auch noch leben will.

Ich suchte neulich etwas Hintergrund zur Kohlendioxidabscheidung. Der Text über die Einweihung einer Versuchsanlage sollte am nächsten Tag fertig sein. Hingehen und über den Reaktor schreiben und die Sektflasche, die nicht kaputt gehen will, wäre kein Probolem. Nur finde ich es wichtig, dass solche Themen etwas Hintergrund bekommen – auch im Lokalteil. Also Internet angeworfen und geguckt, wer da was zu sagen kann. Hätte ich einen anderen Termin an dem Tag gehabt wäre der andere Termin besser bezahlt gewesen, als die Recherche.

Und dann war kein Experte vom wissenschaftlichen Dienst im Bundestag, Ökoinstitut oder der Uni-Köln erreichbar.

Ok, dann schreibt man halt von Geologen und zitiere aus Umweltbundesamtstudien etc. ich kann ja keine Zitate klauen ohne nachzufragen.

Aber eigentlich war das schon zu viel Aufwand, der nicht wirklich bezahlt wird. Und nicht jeder kann immer so ambitioniert sein.

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Alexander Stirn

November 12th, 2010 at 15:12

@Daniel Fischer: Wenn ich ein Paper in einer referierten Zeitschrift lese oder auf einer Konferenz einem Vortrag und der folgenden Diskussion lausche, dann hat „das System”, das die Wissenschaft als solche ausmacht, bereits einen gehörigen Teil meiner Arbeit erledigt und die offensichtlichen kritischen Fragen gestellt und auch solche, auf die ich selber nie gekommen wäre.

Peer Review ist sicherlich ein gutes System, aber es ist nicht perfekt – wie die Fälschungen von Schön, Reuben oder Hwang gezeigt haben. Aber auch abgesehen von solchen (Einzel-)Fällen entbindet der Peer-Review-Prozess den Journalisten nicht davon, sich zu fragen: Was ist die Motivation des Forschers, was sind seine (finanziellen) Hintergründe, in welchem Kontext arbeitet er? Oder auch, warum bringen “Science” oder “Nature” dieses Paper gerade jetzt prominent auf dem Titel (damit wird ja auch Politik gemacht)?

Natürlich darf ich mir danach auch als Beobachter eine eigene Meinung bilden [...]. Aber das kann ich eben nur, wenn ich einen tiefen Einblick in die Materie (v.a. auch frühere Veröffentlichungen in dem Gebiet) und den Wissenschaftsbetrieb und seine Methoden habe, weshalb ich Punkt 6 sogar energisch widersprechen muss.

Ich erwarte von jedem Journalisten, egal welchen Schwerpunkt er hat, dass er sich intensiv mit dem Gegenstand seiner Berichterstattung auseinandersetzt, dass er recherchiert, dass er den (historischen) Kontext versteht. Kurz gesagt, dass er einfach seine Arbeit macht (und ja, ich weiß, dass das aus vielerlei Gründen zu selten passiert). Ein naturwissenschaftlicher Hintergrund kann da in vielen Fällen hilfreich sein, manchmal kann er aber auch für eine gewisse Betriebsblindheit sorgen.

@Alexander: These 7: versteht endlich, was die Wissenschaftler tun! Und wenn ihr es nicht versteht, dann fragt jemanden, der es euch erklärt, oder lasst es bleiben.

Vollste Zustimmung. Das habe ich stillschweigend vorausgesetzt. Und in dem Punkt unterscheidet sich der Wissenschaftsjournalismus handwerklich auch nicht vom Rest der Branche – weshalb ich diese Abgrenzung zwischen Wissenschaftsjournalismus und anderem Journalismus, die auf Konferenzen wie der “Wissenswerte” gerne hochgehalten wird, auch als ziemlich künstlich empfinde.

@Ulfi: Ich muss aber auch Kritik äußern: Es reicht nicht aus zu formulieren, was besser werden muss.

Guter Einwand. Diese “Thesen” (ich habe den etwas abgedroschenen Begriff ja ganz bewusst gewählt) waren zunächst einmal nur als relativ allgemeine Zustandsbeschreibung und Diskussionsgrundlage gedacht. Ich werde mal gute Beispiele sammeln – in der Hoffnung, dass daraus irgendwann ein weiterer Blogpost wird (ohne das jetzt versprechen zu können).

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0-8-15-Medizinjournalismus

November 20th, 2010 at 12:27

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