Keine Ahnung, ob die großen Raumfahrtagenturen so etwas wie gute Vorsätze fürs neue Jahr fassen. Aber wahrscheinlich wäre das Jahr ohnehin längst vergangen, bis solche Absichtserklärungen sämtliche bürokratischen und politischen Hürden genommen hätten.
Daher hier – völlig unbürokratisch – ein paar Vorschläge, was sich die Raumfahrtagenturen 2012 zu Herzen nehmen sollten, verbunden mit einem kleinen, subjektiven Ausblick auf das neue Jahr:
Guter Vorsatz: Verlässlichkeit

Symbol der europäisch-amerikanischen Zusammenarbeit: Das James Webb Space Telescope (Modell) vor dem Deutschen Museum in München. (Foto: EADS Astrium)
Die Amerikaner sind stolz darauf, nach wie vor die – zumindest gemessen am Budget – führende Raumfahrtnation zu sein. Sie leiten daraus einen natürlichen Führungsanspruch ab, der aber immer mehr zu einem (wie der Bayer sagen würde) Mia-san-Mia-Gefühl verkommt – einer Mischung aus Stolz, Trotz und Überheblichkeit. Dabei sind die USA längst an allen Ecken und Enden in Gemeinschaftsprojekte eingebunden: Nicht nur bei der Internationalen Raumstation ISS, wo 14 weitere Partner mitreden wollen, sondern auch bei so gut wie allen anderen wichtigen Raumfahrtprojekten, jetzt und in der Zukunft. Die Zeit der Alleingänge ist vorbei.
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In der Astronomie gibt es derzeit – so scheint es – kein heißeres Thema als die Suche nach fremden Welten. Allein gestern Abend haben Forscher (wenn ich mich nicht verzählt habe) der Öffentlichkeit sechs neue und drei aufgewärmte Exoplaneten präsentiert. Die Astronomen wissen dabei ganz genau, womit sie Aufmerksamkeit erzeugen können.

Kleine Suchaufgabe: Wie viele (nicht maßstabsgetreue) Exoplaneten befinden sich auf diesem Bild? (Künstlerische Darstellung: Eso/M. Kornmesser)
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie tief der Mond in der Gunst der amerikanischen Raumfahrt gesunken ist, die Nasa hat ihn am Wochenende eindrucksvoll erbracht: Statt die Ankunft der beiden Grail-Raumsonden am Erdtrabanten gebührend in Szene zu setzen, ignorierte die Raumfahrtbehörde das Ereignis weitgehend. Fast vier Jahrzehnte, nachdem zum letzten Mal Menschen ihren Fuß auf den Mond gesetzt hatten, scheint der bleiche Himmelskörper der Nasa reichlich egal zu sein.
Für die Wissensseite der Süddeutsche Zeitung bin ich dieser Woche der Frage nachgegangen, welchen Einfluss Satelliten auf die Wettervorhersage haben und wie die neue Generation europäischer Wetterbeobachter die Prognosen verbessern soll – indem die Satelliten auf niedrigeren Bahnen unterwegs sind und über die Pole fliegen.

Startbereit: Der polare Wettersatellit Metop-B wird im Reinraum in Toulouse auf den Versand vorbereitet. Drei Frachtflüge sind nötig, um das sechs Meter lange Ungetüm (einschließlich Servicemodul und Ausrüstung) nach Baikonur zu bringen.
Den Text gibt es bei sueddeutsche.de. Die Bilder aus dem Reinraum des Raumfahrtkonzerns Astrium in in Toulouse, wo der nächste polare Wettersatellit Metop-B gerade für seinen Versand nach Baikonur fertig gemacht wird, gibt es exklusiv bei Flickr und natürlich hier im Blog. Als Starttermin peilen die Europäische Raumfahrtagentur Esa und der europäische Wettersatellitenbetreiber Eumetsat, die Metop-B gemeinsam entwickelt und finanziert haben, den 23. Mai 2012 an.
Offenlegung: Der Besuch in Toulouse fand im Rahmen eine Pressereise statt. Astrium hat die dabei anfallenden Reisekosten größtenteils übernommen.
Irgendwann, voraussichtlich am Sonntag, wird der ausgediente deutsche Röntgensatellit Rosat zurück zur Erde stürzen. Wo und wie er am Erdboden aufschlagen wird, kann niemand genau sagen (Live-Blog bei Daniel Fischer). Sicher ist nur: Er kommt runter. Der Absturz lässt sich weder steuern noch verhindern.
Es ist die große Zeit der Statistiker, die die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags für jeden Ort der Erde am liebsten noch mit der zigsten Nachkommastelle berechnen. Doch was sollen uns diese Zahlen sagen? Und vor allem: Woher kommt diese Obsession für Wahrscheinlichkeiten, unter denen sich eh kein Mensch etwas vorstellen kann?
Blogger und Medien (mich eingeschlossen) kolportieren die offiziellen Zahlen jedenfalls höchst bereitwillig:
Und nun? Eins zu 580 klingt beeindruckend exakt, doch seien wir mal ehrlich: Wer kann etwas damit anfangen, wer kann sich darunter etwas Konkretes vorstellen? Daran ändert sich auch nichts, wenn man versucht, die Wahrscheinlichkeit anders auszudrücken: Einer von 580 abstürzenden Rosats würde rein statistisch Deutschland treffen – es fällt allerdings nur ein Röntgensatellit vom Himmel. Oder: Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland nicht getroffen wird, liegt bei 99,828 Prozent. Schön, hoch, inhaltsleer.
Nein, wirklich aussagekräftig ist all das nicht, genauso wenig wie der Versuch, andere Wahrscheinlichkeiten wie (äußerst beliebt) Blitzeinschläge, Lottogewinne, Vom-Traktor-Überfahren-werden als Vergleichswerte aufzulisten. Seien wir ehrlich: 1:580, 1:5800 oder 1:58.000 – was macht das in der Praxis, in der Lebenswirklichkeit der Menschen für einen Unterschied?
Mir persönlich reicht es vollkommen, wenn ich weiß: Es ist ein gewisses Risiko vorhanden, aber das ist äußerst gering. Immerhin ist bislang bei allen unkontrollierten Satellitenabstürzen noch nie ein Mensch zu Schaden gekommen. Alles andere ist für mich nur der Versuch, das Unfassbare in Zahlen zu pressen und mit (vermeintlichen) Fakten gegen die Hilflosigkeit anzukämpfen: Wenn man den Rosat-Absturz schon nicht kontrollieren kann, wann man nicht weiß, wo er runterkommt, so ist da wenigstens ein Wert, an dem man sich festhalten kann. Eine kleine, feine Zahl, die irgendwie beruhigend, die irgendwie greifbar wirkt – auch wenn sie das überhaupt nicht ist.
Eins zu 580, das klingt, als habe man die Situation vollkommen unter Kontrolle. Das ist verständlich, aber letztlich ist es nur eine statistische Beruhigungspille.
Es ist vorbei. Darf man sagen „endlich!”, ohne sich eines Shuttle-Sakrilegs schuldig zu machen? Egal. Um 11:57.54 Uhr MESZ sind heute zum letzten Mal die Räder eines Space Shuttles auf Runway 15 in Cape Canaveral zum Stillstand gekommen. Endlich.
Natürlich war das Shuttle – rein technisch betrachtet – eine fantastische Maschine, es hat Menschen inspiriert und in seinen besten Tagen auch begeistert. Wer jemals einen Shuttle-Start live erleben durfte, wird das Grollen, das Beben, die unbändige Kraft nicht mehr vergessen.
Das Shuttle war aber auch das falsche Gefährt für den falschen Zweck.
Im Grunde kann man es mit einem SUV, im besten Fall noch mit einem Pickup-Truck vergleichen. Es war schwer, spritschluckend und teuer im Unterhalt. Es konnte weder Menschen effizient transportieren, noch Fracht billig in den Orbit bringen. Es war ein überdimensionierter Zwitter, geboren aus Notwendigkeit heraus. Und es konnte lediglich in den niederen Erdorbit fliegen, ohne überzeugendes Ziel und ohne zwingende Aufgabe. Lawrence Krauss hat das beim Guardian sehr schön zusammengefasst.
Nein, es ist gut, dass die Shuttle-Ära zuende geht. Zu spät, aber immerhin würdevoll.

Ende einer Ära: Die Atlantis landet zum letzten Mal in Cape Canaveral (Foto: Nasa/Kim Shiflett)
Ohne den fliegenden Bremsklotz ist jetzt endlich Gelegenheit, die bemannte Raumfahrt voranzubringen. Private Unternehmen können die langweilige Routinearbeit wie die Versorgung der Internationalen Raumstation übernehmen, während sich die Raumfahrtagenturen ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können: der Erkundung des Weltalls – und zwar über die lächerlichen 350 Kilometer hinaus, die das Space Shuttle zuletzt zwischen sich und die Erde gelegt hat, und auch über die Mondbahn hinaus. Und am besten nicht national beschränkt, sondern als internationales Projekt, als gemeinsames Unterfangen der Menschheit.
Ein Traum? Das Ende der Shuttle-Flüge hat all das zumindest möglich gemacht.
Man muss es nur wollen.
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